Wirtschaftliche Lage verbessert, Mittelstand wartet ab
Die Herbstausgabe der Creditreform Analyse "Wirtschaftslage und Finanzierung im Mittelstand" wurde in München vorgestellt.
Neuss, 11.10.2005
Die Angaben der mehr als 4.000 befragten Mittelständler zu ihrer aktuellen Geschäftslage sprechen dafür, dass sich
die konjunkturelle Situation der kleinen und mittleren Betriebe in Deutschland aufhellt. Im Herbst 2005 bewerten 30,6
Prozent der mittelständischen Unternehmer ihre Geschäftslage mit sehr gut oder gut (Vorjahr: 25,9). Gleichzeitig sank
der Anteil der Unternehmen, die ihre Geschäftslage mit mangelhaft oder ungenügend einschätzen, von 14,3 auf 10,1
Prozent. Außer dem Handel haben sich alle Hauptwirtschaftsbereiche im Vergleich zum Vorjahr verbessert. Sogar im
Baugewerbe erhöhte sich der Anteil der Betriebe, die sich positiv zu ihrer Geschäftslage äußern, um drei Prozentpunkte
auf 23,6 Prozent.
Parallel zur Geschäftslage haben sich auch die Umsätze im Mittelstand entwickelt: 27,9 Prozent der Unternehmen
verzeichneten in den vergangenen sechs Monaten Umsatzsteigerungen (Vorjahr: 26,6 Prozent), während sich der Anteil der
Betriebe mit rückläufigen Umsätzen von 30,7 auf 26,2 Prozent verringerte.
Von den Hauptwirtschaftsbereichen konnten vor allem Dienstleister und Baubetriebe Umsatzsteigerungen vermelden. Mit
30,9 Prozent verfügt das Baugewerbe über den höchsten Anteil von Unternehmen mit gestiegenen Umsätzen (Vorjahr: 21,8).
Hingegen entwickelten sich die Umsätze im Verarbeitenden Gewerbe rückläufig: Der Anteil der Unternehmen mit
Umsatzeinbußen stieg von 25,4 auf 28 Prozent. Gleichzeitig signalisierten nur noch 25,4 Prozent eine positive
Umsatzentwicklung in den vergangenen Monaten (Vorjahr: 30,4 Prozent).
Mehr Neueinstellungen als Entlassungen
Auch bei der Beschäftigung im Mittelstand geht es aufwärts: 22,2 Prozent der kleinen und mittelständischen Betriebe
konnten in den vergangenen Monaten Arbeitskräfte einstellen (Vorjahr: 18,1 Prozent). Nur 18,9 Prozent erklärten
hingegen, Personal abgebaut zu haben (Vorjahr: 22 Prozent). Damit werden bei der Beschäftigungslage die besten Werte
seit dem Jahr 2000 erreicht. Dies ist vor allem der Zunahme der Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor zu verdanken:
Mehr als ein Viertel (25,1 Prozent) der Dienstleister zählt im Herbst 2005 mehr Beschäftigte als vor einem halben Jahr.
Nur 15,2 Prozent der Betriebe haben im gleichen Zeitraum ihre Mitarbeiterzahl reduziert.
Trotz der guten Einschätzungen zur aktuellen Wirtschaftslage, sind die Erwartungen der kleinen und mittleren
Unternehmen für die kommenden Monate lediglich verhalten optimistisch: 22,6 Prozent (Vorjahr: 20,9 Prozent) erwarten
steigende Umsätze, während 22,4 Prozent (Vorjahr: 24,1 Prozent) Umsatzrückgänge befürchten. Pessimistischer zeigen sich
die Unternehmen aus dem Baugewerbe. 36,1 Prozent (Vorjahr: 36,7 Prozent) rechnen mit rückläufigen Umsätzen, nur 12,9
Prozent (Vorjahr: 9,1 Prozent) gehen von Umsatzsteigerungen aus. Von den in Ostdeutschland befragten Betrieben der
Baubranche befürchtet sogar mehr als die die Hälfte (54,1 Prozent), dass es mit den Umsätzen weiter bergab geht,
während kein einziger mittelständischer Bauunternehmer sich von den kommenden Monaten Besserung verspricht.
Nach der zukünftigen Entwicklung ihrer Angebotspreise befragt, antworteten 12,1 Prozent der Unternehmen, dass es im
nächsten halben Jahr zu Preiserhöhungen kommen wird (Vorjahr: 11,4 Prozent). Gleichzeitig gehen 14,6 Prozent von
sinkenden Angebotspreisen aus (Vorjahr: 15,7 Prozent). Demnach will die Mehrheit der kleinen und mittleren Unternehmen
ihre Preise konstant halten.
Im Herbst 2005 planen 11,8 Prozent der Betriebe neue Arbeitskräfte einzustellen. Das sind 2,3 Prozentpunkte mehr als
im Vorjahr. Allerdings überwiegt (wie im Vorjahr) mit einem Anteil von 17,6 Prozent die Zahl der Unternehmen, die ihr
Personal reduzieren möchte (2004: 19,7 Prozent). Weiterhin bestehen eklatante Unterschiede bei den
Beschäftigungsaussichten in Ost und West. Im Westen liegt der Anteil der Betriebe, die zusätzliche Mitarbeiter
einstellen wollen, um über vier Prozentpunkte höher als im Osten. Außerdem plant im Osten fast ein Viertel der kleinen
und mittleren Unternehmen (24,8 Prozent), Personal abzubauen (Vorjahr: 20,3 Prozent).
Investitionsbereitschaft kommt zurück
Die befragten Unternehmen zeigen sich im Herbst 2005 deutlich investitionsbereiter als noch vor einem Jahr. 41,8
Prozent planen in den kommenden Monaten Investitionen durchzuführen (Vorjahr: 34,9 Prozent). Mit einem Anteil von 45,3
Prozent sind die Mittelständler aus dem Verarbeitenden Gewerbe am investitionsfreudigsten (Vorjahr: 37,9 Prozent).
Ersatzinvestitionen genießen mit 57,2 Prozent (Vorjahr: 60,1 Prozent) bei den mittelständischen Unternehmen Priorität,
gefolgt von den Erweiterungsinvestitionen mit 49,1 Prozent (Vorjahr: 42,9). Immerhin ein Viertel (25,6 Prozent) der
Betriebe plant auch Rationalisierungsinvestitionen.
Die Zahl der Unternehmen, die sich in den kommenden Monaten eine Verbesserung der Ertragslage erhofft, stieg leicht
an und beträgt nun 24,6 Prozent gegenüber 23,8 Prozent im Vorjahr. Zwar ist die Zahl der Betriebe, die Ertragsrückgänge
befürchtet, immer noch größer, doch verringerte sich auch dieser Anteil auf 35,7 Prozent (Vorjahr: 36,5 Prozent).
Die Dienstleister sind am optimistischsten: 27,3 Prozent erwarten Ertragssteigerungen. Im Verarbeitenden Gewerbe,
im Handel und im Baugewerbe dominieren hingegen eindeutig die pessimistischen Einschätzungen: Über ein Drittel der
Betriebe des Verarbeitenden Gewerbes (34,5 Prozent; Vorjahr: 28,1 Prozent) befürchtet Ertragsrückgänge, in der
Baubranche sind es 38 Prozent (2004: 41,8) und im Handel sogar 42,1 Prozent (2004: 37,2 Prozent).
Eigenkapital: Die Schere öffnet sich
Bei der Eigenkapitalausstattung der kleinen und mittleren Unternehmen hat sich sowohl der Anteil der Betriebe mit
ausreichender Eigenkapitalausstattung, als auch die Zahl unterkapitalisierter Unternehmen erhöht. 22,2 Prozent der
mittelständischen Betriebe verfügen über eine Eigenkapitalquote von mehr als 30 Prozent (Vorjahr: 19,9 Prozent).
Gleichzeitig erhöhte sich aber auch die Zahl der Unternehmen, die eine Eigenkapitalquote von weniger als zehn Prozent
aufweisen, um 0,6 Prozentpunkte auf 36,6 Prozent. Bei der Finanzierungsstruktur offenbaren sich einmal mehr große
Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Im Westen ist der Anteil solide finanzierter Mittelständler fast
doppelt so hoch wie in Ostdeutschland: 24 Prozent der westdeutschen Unternehmen verfügen über mehr als 30 Prozent
Eigenkapital, im Osten sind es lediglich 12,7 Prozent.
Zahlungsverhalten: Weiter bedenkliche Forderungsverluste
Das Zahlungsverhalten der Kunden der mittelständischen Unternehmen hat sich in den vergangenen Monaten leicht
verbessert: 31,9 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen geben dem Zahlungsverhalten ihrer Kunden die Note gut
oder sehr gut (Vorjahr: 27,6 Prozent), während 12,2 Prozent das Kundenzahlungsverhalten mit mangelhaft oder ungenügend
bewerten (Vorjahr: 13,8 Prozent). Die längsten Zahlungsziele werden im Verarbeitenden Gewerbe in Anspruch genommen. Nur
61 Prozent bezahlen innerhalb von 30 Tagen, während 7,9 Prozent über 60 Tage und fast zwei Prozent (1,9 Prozent) sogar
über 90 Tage benötigen.
Bedenklich ist die Tatsache, dass die Zahl der Betriebe, die Forderungsverluste von mehr als einem Prozent des
Umsatzes zu beklagen haben, von 17 auf 18,5 Prozent gestiegen ist. Die Zahl der Unternehmen ohne Forderungsausfälle
blieb hingegen mit 14,4 Prozent annähernd konstant (Vorjahr: 14,5 Prozent).
Unternehmensinsolvenzen rückläufig
Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen entwickelte sich in der ersten Jahreshälfte 2005 rückläufig. Mit 18.700
insolventen Unternehmen lag die Zahl 6,2 Prozent unter der des Vorjahres. Zweistellige Wachstumsraten verzeichneten
hingegen die Privatinsolvenzen: Im ersten Halbjahr 2005 traten 43.900 Verbraucher und ehemals selbstständig Tätige den
Gang zum Insolvenzrichter an (Vorjahreszeitraum: 36.920). Für das Gesamtjahr 2005 rechnet die Creditreform Wirtschafts-
und Konjunkturforschung mit etwa 38.000 Unternehmensinsolvenzen.
Kleine Mittelständler bewerten Wirtschaftslage anders
Über 80 Prozent der fast 3 Millionen mittelständischen Unternehmen in Deutschland zählen bis zu zehn Beschäftigte.
Diese „kleinen Mittelständler“ kommen zu anderen Einschätzungen der aktuellen Wirtschaftslage als die
größeren: Nur etwa ein Viertel (25,3 Prozent) der Kleinbetriebe bewertet ihre derzeitige Geschäftslage mit sehr gut
oder gut, während 35,5 Prozent der größeren mittelständischen Unternehmen zu dieser Einschätzung gelangen. Vor allem im
Verarbeitenden Gewerbe unterscheiden sich die Bewertungen: Fast 40 Prozent der größeren Unternehmen signalisierten hier
eine gute oder sehr gute Geschäftslage, aber nur 22,1 Prozent der kleinen Betriebe.
Auch bei der Personalpolitik unterscheiden sich kleine und große Mittelständler: Größere Unternehmen weisen eine
höhere Fluktuation von Arbeitskräften auf. Von den Betrieben mit bis zu zehn Beschäftigten haben nur 15,7 Prozent ihre
Mitarbeiterzahl in den vergangenen Monaten erhöht und lediglich 16 Prozent ihren Personalbestand verringert. Bei den
großen mittelständischen Unternehmen hingegen haben 28,4 Prozent zusätzliche Mitarbeiter eingestellt und 21,9 Prozent
Arbeitsplätze abgebaut.
Ein weiterer bedeutender Unterschied zwischen größeren und kleineren Mittelständlern besteht aktuell beim
Investitionsverhalten. Mehr als die Hälfte der größeren Betriebe plant, in den kommenden Monaten zu investieren –
von den kleineren Unternehmen sind es lediglich 31,9 Prozent. Bei den investitionsgeneigten Kleinbetrieben wollen 54,4
Prozent Erweiterungsinvestitionen durchführen, bei den größeren Mittelständlern haben die Ersatzinvestitionen mit 61,5
Prozent Priorität. 28,7 Prozent der kleineren Unternehmen finanzieren die Investitionen mit Fremdkapital, während
dieser Anteil bei den größeren Betrieben mit 37,4 Prozent deutlich höher ist.
Beim Vergleich der Finanzierungsstruktur kleinerer und größerer Betriebe zeigt sich, dass die Unternehmen mit mehr
als zehn Mitarbeitern tendenziell besser mit Eigenkapital ausgestattet sind. 22,1 Prozent der größeren Mittelständler
verfügen über eine Eigenkapitalquote von mehr als 30 Prozent, bei den Kleinbetrieben beträgt der Anteil solide
finanzierter Unternehmen 19,6 Prozent. Andererseits sind 36,7 Prozent der kleineren Mittelständler unterkapitalisiert,
aber nur 31,4 der Betriebe mit mehr als zehn Beschäftigten.